Kinder rennen lachend und unbegleitet in eine Matrix, während im Hintergrund zwie Erwachsene hinterherschauen und winken

Sandra Schink

Lasst uns über Digital Natives reden

Dieser Artikel ist 2013 erstmals auf meinem alten Blog erschienen. Ich habe ihn anlässlich der Ergebnisse der österreichischen Studie Digital Skillz Barometer 2023 (PDF Download) aus dem Archiv hierher überführt.

21.11.2013 – Auf dem Barcamp Hamburg habe ich zwischen Session und Buffet einige Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die da in etwa lauteten: “… aber Digital Native ist er ja nun nicht …” “Stimmt, der musste schon immigrieren. Höhöhö.” Im Klartext – so schwang es dann in weiteren Worten mit – hieß das wohl: “Der ist zu alt.” Für was auch immer. Vielleicht um eine kompetente Session über ein Digital-Media-Thema zu halten? Oder einen Job in der Digitalbranche?

Jedenfalls merkte ich ehrlich gesagt, wie der Unmut in mir aufstieg. Ich hatte das schon öfter gehört. Nicht erst auf der re:publica, als die sehr von mir geschätzte Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel Online feststellte: “Wir sind alle zu alt für Digital Natives.” Mit ‘wir’ waren Jochen Wegner, Chefredakteur der ZEIT online, Jahrgang 1969 und Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, Jahrgang 1976 gemeint. Und sie selbst, Jahrgang 1972.

Macht das Geburtsjahr den Native?

Und Stefan Plöchinger hielt fest: “Ich glaube, wir sind uns alle sofort einig gewesen, das 1980 das (Geburts-)Jahr (für Digital Natives) ist.” 1980? Really?

Schauen wir uns also den Begriff “Digital Natives” zunächst genauer an. Bei Wikipedia steht geschrieben: “Mit Digital Natives (dt: Digitale Eingeborene) werden Personen bezeichnet, die mit digitalen Technologien wie Computern, dem Internet, Mobiltelefonen und MP3-Playern aufgewachsen sind.”

Und weiter: “John Palfrey und Urs Gasser ziehen mit 1980 als ältestem Geburtsjahrgang von Digital Natives in ihrem 2008 erschienenen Buch Born Digital eine noch deutlichere Grenze. Es ist die erste Generation, welche von klein auf mit den neuen Technologien des digitalen Zeitalters aufgewachsen ist. Computerspiele, E-Mails, Internet, Mobiltelefone und Instant Messaging seien integrale Bestandteile ihres Lebens, sie wurden schon früh damit sozialisiert.”

Das Missverständnis

Nun könnte man das so stehen lassen, denn was zweifellos stimmt ist, dass wohl keine Generation vorher mit so vielen digitalen Möglichkeiten aufgewachsen ist, wie diese. Was ich allerdings für ein – furchtbares – Missverständnis halte ist die heute leider häufig mitschwingende Überzeugung, dass ein nach dieser Definition benannter “Digital Native” auch zwangsläufig digital affin sein muss. Und er deshalb auch automatisch qualifizierter ist, einen digitalen Job erfüllen zu können als jemand, der vor 1980 geboren wurde.

Ein Missverständnis deswegen, weil es echte Digital Natives gibt, die bereits lange vor diesem Jahrgang geboren wurden.

Wer das sein könnte? Nun, Stefan Plöchinger ganz sicher, denn wer mit neun Jahren bereits auf einem Apple II sein erstes Basic-Programm programmiert hat, dürfte in digital affiner Umgebung aufgewachsen sein. Und auch wenn Jochen Wegner ‘erst’ mit zwölf mit einem C64 angefangen hat zu programmieren, so ist auch hier anzunehmen, dass er bereits vorher in irgendeiner Form die Wunder Digitaliens vermittelt bekommen hatte.

Und derer, die schon früher nativen Umgang mit digitaler Technik hatten, gibt es viele, und sie waren schon damals nicht zwangsläufige Nerds. Ich zum Beispiel habe bereits mit fünf mit meinem Vater auf dem Fernseher Pong gespielt, und ich weiß bis heute, wie fasziniert ich war, dass ich das Fernsehporgramm manipulieren konnte. Mein Dad war – als Telekommunikationstechniker – in den 80ern einer der ersten mit einem Autotelefon (ok – analog, aber hey, eigentlich geht es darum nicht, oder? Sondern grundsätzlich um die Bedienung von Kommunikationstechnik), und 1990 arbeitete ich mit einem Redaktionssystem, bzw. einem Intranet, das über Standleitungen die Lokalredaktionen in ganz Deutschland miteinander verbunden hatte und Kurznachrichten (SM = Short Message) fast in Echtzeit unter Redakteuren ermöglichte.

Auf diesen – wenn auch zum Teil noch analogen – Technologien basiert alles, was für die in Wikipedia definierten “Digital Natives” heute selbstverständlich ist: Computerspiele, ‘E-Mails’, ‘Internet’, Mobiltelefone und Instant Messaging gab es im Prinzip also schon viel früher. Und die, die diese Technologien täglich selbstverständlich genutzt und auch weiter entwickelt haben, würde ich viel eher als “Digital Natives” bezeichnen, statt pauschal alle, die nach 1980 geboren wurden. Die zwar selbstverständlich mit all diesen Technologien aufwachsen, aber vielleicht gar nicht die Affinität dazu haben. Denn ein Geburtsjahr allein qualifiziert einen Menschen nicht.

Natives wurden angeleitet und begleitet

Das Wort “Native” bedeutet Indigener oder Ur-Einwohner.

Und mit einem Indigenen verbinde ich einen Menschen, der sich in seiner Umgebung, seiner Sphäre so gut auskennt und so sicher bewegt, weil er nicht nur hinein geboren wurde, sondern von Geburt an das Wissen um dieses Land und seine Regeln, Gefahren und Möglichkeiten von seinen Eltern und Großeltern und seinem Umfeld ganz selbstverständlich vermittelt bekommen hat. In der Sprache des Landes und seiner Eltern – seiner Muttersprache.

Die in die heutigen digitalen Selbstverständlichkeiten Hineingeborenen haben das Wissen um dieses Digitalien aber nicht mit der Muttermilch eingesogen, sondern wurden – überwiegend – vielmehr im digitalen Dschungel ausgesetzt. Oder sie sind selbst hinein gelaufen, während ihre Eltern am Waldrand standen und leicht verängstigt in dieses stetig wachsende und wuchernde Dunkle guckten und von den bösen Geistern erzählten, die sich darin verstecken.

Digital Native könnte demnach nur der sein, der in die digitalen Möglichkeiten hinein geboren wurde UND dessen Eltern und dessen soziales Umfeld ihm von Geburt an sicher und selbstverständlich digitale Medienkompetenz vermittelt haben – mit dem Bewusstsein um Risiken und Chancen jeder digitalen Neuerrungenschaft.

Aber wieviele Eltern – und Lehrer – haben diese Medienkompetenz und wieviele Kinder wachsen tatsächlich sicher und bewusst mit und in dieser virtuellen Welt auf?

Sicher ist nur, dass Medienkompetenz keine Frage des Jahrgangs ist.

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